Der letzte Libero

Miroslav Kadlec steht sinnbildlich für die letzte wirklich erfolgreiche Dekade des 1.FC Kaiserslautern und zeitgleich für eine synchron mit dem Erfolg ausgestorbene Position, dem Libero. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ende einer Positions-Ära und dem sportlichen Abstieg des 1.FC Kaiserslautern?
Eine persönliche Einordnung.

Der Libero: National und International erfolgreich

1990/1991 und 1997/1998 wurde der FCK deutscher Meister mit Miroslav Kadlec als Libero, 1996 konnte mit ihm der Pokalsieg errungen werden. Damit gehörte der 1.FC Kaiserslautern trotz des ersten Vereinsabstiegs in Liga 2 (1996) zu den erfolgreichsten Teams der 90er Jahre, Miroslav Kadlec zu den besten Liberos des Jahrzehnts. Einzig Lothar Matthäus gewann mit dem FC Bayern München auf derselben Position mehr nationale Titel als der Tscheche mit dem FCK. Auch international spielte die Position des Liberos in den 90er Jahren eine zentrale Rolle: Die deutsche Weltmeistermannschaft von 1990 vertrauten mit Lothar Matthäus und die Europameister von 1996 mit Matthias Sammer auf den„freien Mann“. Um zu verstehen, weshalb die Position des Liberos mit dem Ende des Jahrzehnts deutlich an Bedeutung verlor, sollte man zunächst die Rolle und Aufgaben eines Liberos genauer betrachten.

Vom Ausputzer bis zum Vorbereiter

In den 90er Jahren war die Manndeckung in der Defensive der taktische Standard auf dem Spielfeld. Häufig in einem 3-5-2 System aufgestellt, vertrauten die Teams in diesem Jahrzehnt noch auf die klassische Manndeckung. Einem Verteidiger wurde genau ein gegnerischer Stürmer zugeordnet. Der dritte Mann in der Verteidigung hatte somit keinen direkten Gegenspieler in der Defensive, da die meisten Mannschaften mit zwei Stürmern auftraten. So konnte er seiner Rolle als „freier Mann“ (Libero, auch „Ausputzer“ genannt) in der Verteidigung nachkommen und seine Manndecker (Vorstopper) in entscheidenden Zweikämpfen unterstützen.

Bei eigenem Ballbesitz kam dem Libero auch in der Offensive eine entscheidende Funktion zu: Er ließ sich tief in die eigene Hälfte fallen und trieb so den Spielaufbau vom eigenen 16er aus an. Er verlagerte das Spiel teilweise bis tief in die gegnerische Hälfte und fungierte so auch als freier Mann hinter seinen Angreifern.

3-5-2 System mit Libero: Die zentrale Figur in Defensive und Offensive

Spieler, die die Position des Liberos ausfüllten, mussten über hohe Spielintelligenz verfügen, da sie sowohl defensiv als auch offensiv zentrale Aufgaben übernehmen mussten. Übersicht, Tempo, Durchsetzungskraft, Zweikampfstärke und technische Qualitäten gehörten zur Jobbeschreibung. Bei Kadlec kamen zusätzlich noch außergewöhnliche Fähigkeiten beim ruhenden Ball hinzu. Spielern auf der Libero-Position unterstellte man häufig eine außergewöhnliche spielerische „Eleganz“.

Das Ende einer Ära

Mit den 90er Jahren endete auch eine von Manndeckung und Libero geprägte Ära. Schon bei der WM 1998 in Frankreich spielten viele Teams mit Raumdeckung und Viererkette. Dabei wurde auf eine Mann-orientierte Zuordnung der Verteidiger verzichtet. Durch vier Verteidiger, die auf einer Linie in der Defensive die Räume eng hielten entstand eine neue Form der Raum-Verteidigung. Durch Verschieben der gesamten Kette in Ballrichtung wurden defensive Überzahlsituationen hergestellt, bei der idealerweise zwei Verteidiger einem Stürmer gegenüberstanden. Somit werden die Aufgaben des Liberos durch strategische Arbeitsteilung in der Defensivreihe ersetzt.

Fußball als System

Ralf Rangnick kam Ende der 90er zu seinem Spitznamen „Fussball-Professor“, als er im aktuellen Sportstudio die bis dato in Deutschland wenig beachteten taktischen Überlegungen hinter der Viererkette und der Raum-orientierten Verteidigung darstellte. Begriffe wie „Verschieben“ , „Pressing“ und „Überzahlsituationen“ fanden erstmals Eingang in taktische Überlegungen. Heute Basiswissen, damals noch irgendwie exotisch und verkopft. Dennoch wurde spätestens mit der desaströsen EM 2000 deutlich, dass ein Umbruch begonnen hatte, der das Aussterben einer Position zur Folge haben würde.

Ralf Rangnick im aktuellen Sportstudio

Der FCK und der „moderne Fußball“

Das der 1. FC Kaiserslautern mit dem Aufblühen des „modernen Fußballs“ an sportlichem Erfolg einbüßen musste, ist zeitlich gesehen belegt, denn seit dem Ende der 90er Jahre sind Erfolge rar gesät und begrenzen sich auf einzelne erfolgreichere Saisons (2010/2011) oder gute Einzelspielergebnisse. Je weiter sich die 90er und die damit verbundenen Spielsysteme entfernten, ums größer wurde der sportliche Abstand zwischen dem FCK und dem Bundesliganiveau. Liegt dies alles daran, dass es nicht gelungen ist eine ausgestorbene Position durch erfolgreiche, moderne Alternativen zu füllen?

Jetzt folgt eine persönliche Einschätzung, die durchaus kontrovers diskutiert werden sollte. Ich versuche sie dennoch mit Argumenten zu füllen.

Der Spielaufbau liegt brach

Es ist dem FCK seit 20 Jahren nicht mehr gelungen, Spieler in die eigenen Reihen zu integrieren, die in der Zentrale den Spielaufbau aus der Defensive heraus initiieren konnten. Denn was der Position des Liberos in der Defensive abging, wurde in der Offensive immer wichtiger. Ein zentraler Verbindungsspieler („Box-to-Box-Player“ / „tiefer Spielmacher“) zwischen Defensive und Offensive fehlt seit Jahren. Diese Funktion ist mit dem Libero nämlich keineswegs verschwunden, sie hat sich eher ins zentrale Mittelfeld verlagert, eine Spielvariante, die besonders durch Pep Guardiola ungemein an Bedeutung in der Bundesliga gewann. Die zentralen Mittelfeldspieler unterstützen die Verteidiger im Spielaufbau im eigenen Drittel und erzeugen so Überzahlsituationen und damit Anspielstationen für eine geordnete Offensive mit größeren Erfolgsaussichten auf einen Abschluss oder Torerfolg.

Guter Plan ist teuer

Natürlich benötigt man für ein solches Aufbauspiel den entsprechenden Spielertyp, aber auch die taktischen Vorgabe durch das Trainerteam sollten die Spieler auf ihre konkreten Aufgaben vorbereiten, auch um ihnen Sicherheit zu geben. Die letzten Spielzeiten zeichneten sich allerdings eher durch hohes, weites Spiel in die Tiefe aus, ohne dabei effektiv nachzurücken, um den zweiten Ball in interessanten Räumen zu erobern. Häufig spürte man die Unsicherheit der Mannschaft, besonders gegen tiefstehende Gegner fehlten häufig die Mittel um überhaupt zum Abschluss zu kommen. Spieler zu finden, die über Qualitäten verfügen, ein Spiel aus der Tiefe der eigenen Hälfte einzuleiten ist nicht leicht. Besonders mit den finanziellen Mitteln der 3. Liga und der sportlichen Attraktivität derselbigen.

Ressourcenorientiert denken

Und dennoch hat der FCK auch jetzt bereits Spieler in seinen Reihen, die am Beginn Ihrer Entwicklungen schon Ansätze in diese Richtung zeigen. Carlo Sickinger, Theodor Bergmann und auch Gino Fechner haben jeweils das Potential dominanter im Spielaufbau aufzutreten. Es muss ihnen allerdings auch „verordnet“ werden, im Training und der Spielvorbereitung müssen klare Aufgaben definiert werden, die diesen jungen Spielern Sicherheit vermitteln. Die Lust auf konstruktiven Spielaufbau muss größer sein, als die Angst vor dem Fehler und damit dem unkontrollierten weiten Schlag. Dafür benötigt es Geduld – auch seitens der Fans. Denn gerade in Liga 3 wird ein neuer Miroslav Kadlec alleine nicht reichen. Wie bei der Einführung der Raumdeckung müssen die Aufgaben auf alle anderen Schultern verteilt werden. Und diese Aufgaben müssen klar benannt werden, den neben einem sportlichen Erfolg gibt es nur eine Sache, die ich mir seit Jahren an jedem Spieltag sehnlichst zu erkennen wünsche: Ein erkennbare Spielidee.

In diesem Sinne, alles gute zum Geburtstag, Miroslav Kadlec!

Wenn Ihr mich unterstützen wollt, egal ob mit Zuwendungen oder Hirnschmalz, findet Ihr alle Infos hier

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