Mehr Mut, bitte!

Der 1. FC Kaiserslautern trennte sich am Samstag (20.07.2019) 1:1 Unentschieden von der Spvgg Unterhaching.Welche Erkenntnisse lassen sich nach diesem Spiel aus taktische Sicht für den FCK gewinnen? Und was kann man in dieser Saison von dieser Mannschaft erwarten? Trotz frühem Zeitpunkt in der Saison hier der Versuch einer ersten Analyse.

Spielbericht

Aufstellung 1.FC Kaiserslautern

68. Minute: Starke für Hemlein
68. Minute: Bjarnason für Sickinger
78.Minute: Fechner für Scholz

Die ersten 15 Minuten der Begegnung waren von ruhigen Ballbesitzpassagen der Spvgg Unterhaching geprägt. Im ersten Drittel der eigenen Hälfte wurde das Spiel über die Dreierkette eingeleitet. Der FCK fokussierte sich auf spätes Anlaufen ab dem Mittelkreis durch das Sturmduo Thiele/ Kühlwetter und wenig energischem Pressing oder Nachrücken der Mittelfeldspieler. Die dadurch zu erwartende Kompaktheit in der Defensive durch zwei eng stehende Viererketten war dabei jedoch nicht immer gegeben.

Klarer Spielansatz

Die taktische Vorgabe von Unterhachings Trainer Claus Schromm lautete offensichtlich die eigene rechte Angriffsseite mit möglichst vielen nachrückenden Spielern zu besetzen („overpacking“). Er hatte offenbar die Seite der beiden Jungprofis Hercher und Scholz als Schwachstelle in der Defensive des FCK ausgemacht.

So brachten in einigen Situationen Hufnagel, Heinrich, Bigalke und Marseiler defensiv unterstützt durch Schwabl die FCK Abwehr durch geschicktes Passspiel zwischen die Ketten und permanentes Anlaufen der Zwischenräume der Viererkette in Bedrängnis. Folglich musste Grill in der 14. Spielminute das erste Mal parieren, nachdem ein über links eingeleiteter Angriff über Bigalke zu Dombrowka durchkam und dieser aus 10 Metern am FCK-Keeper scheiterte.

Der lange Ball

Der FCK wirkte in der Defensive nach Ballgewinn oft hektisch, der lange, unkontrollierte Ball nach vorne war die Folge. Auch bei Ballbesitz des Torhüters folgte in dieser Phase unverständlicherweise nur der lange Ball in die Spitze. Nahezu keiner dieser langen Schläge konnte wirklich gewinnbringend verarbeitet oder kontrolliert werden. In der 14. Minute dann die Ausnahme: Dem ersten und einzigen kurzen Abwurf in Halbzeit Eins von Grill auf Schad folgte der bis dahin gefährlichste Abschluss des FCK, doch Timmy Thiele traf (im Abseits stehend) nur den Innenpfosten.

1:0 FCK, flach und direkt!

In der 19 Minute geschieht dann Außergewöhnliches. Bachmann eroberte sich nach einem Ballverlust auf der rechten Außenbahn den Ball selbst zurück und schlägt anschließend den einzigen langen Diagonalball der gesamten Partie auf seiten des FCK. Pick verarbeitet den Ball technisch hochwertig mit dem ersten Kontakt, und erzielt nach Doppelpass mit Hercher und anschließend mit Sickinger sehenswert mit einem Schlenzer aus 8 Metern ins lange Eck. Hachings Hintermannschaft stand in dieser Situation im Mittelfeldzentrum komplett unbesetzt und sichtlich unsortiert.

Aus dem Tor konnte der FCK jedoch keine Sicherheit gewinnen und so kam Haching in der Folge zu drei guten Möglichkeiten dicht hintereinander (21./22./23. Minute) die jedoch nicht zum Torerfolg führten, da entweder der Abschluss nicht passte (21. Minute, Heinrich) oder die FCK-Verteidiger in höchster Not den Einschlag verhinderten (22. Minute Scholz, 23. Minute Schad). In dieser Phase zeigte der FCK auch in der Mittelfeld-Zentrale wenig Kompaktheit, so dass in der 27. Minute ein weiterer Angriff durch die Zentrale nahezu von Tor-Erfolg für die Spvgg durch den sehr auffälligem Marseiler gekrönt wurde. Sein Schuß aus 20 Metern war allerdings zu hoch angesetzt.

Früheres Anlaufen

Nun folgte eine umkämpften Phase mit vielen Zweikämpfen und Ballverlusten, in der der FCK etwas offensiver mit drei Spielern (Pick, Thiele, Kühlwetter) anlief und defensiv gut dagegenhielt. Mit Mann-orientiertem Pressing stellte der FCK seinen Gegner in dieser Phase vor größere Herausforderungen im Spielaufbau. Kühlwetter eroberte so in der 36. Minute den Ball im Mittelfeld und ermöglichte Timmy Thiele nach Vorlage durch den nachgerückten Sickinger die Doppelchance zum 2:0. Der Stürmer des FCK scheiterte aber beide Male am Hachinger Schlussmann.

In dieser Phase spielte Unterhaching sehr ungenau und hektisch, was auch dem offensiveren Pressing des FCK geschuldet war. Aber auch der FCK blieb in den Offensiv-Aktionen in dieser Phase zu ungenau, um sich Chancen zu erspielen. In der 42. Minute konnte nach einem Ballgewinn Thiele von der Grundlinie zurücklegen, fand aber keinen Abnehmer im Zentrum. Nach gutem offensiven Anlaufen ermöglichte wieder ein Doppelpass nach Ballgewinn eine gute Kopfballchance für Bachmann, der jedoch aus kurzer Distanz im Fallen vorbei köpfte. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte setzte Bigalke einen Freistoß von rechts außen auf die Latte. (45 +2)

Der Ausgleich mit Ansage

Nach der Pause kamen beide Teams unverändert aus der Kabine. Der FCK versuchte wieder früh anzulaufen, kam aber in dieser Phase in einigen Situationen zu spät oder wirkte inkonsequent. Nach einem Ballverlust in der Zentrale durch Bachmann findet Bigalke (mal wieder) zwischen den Viererketten Raum vor sich, den er mit einem geschickten Steckpass auf Marseiler einmal mehr zu nutzen weiß. Dieser legt den Ball von der rechten Grundlinie zurück, wo Scholz zu unverbindlich klären will, Hufnagel staubt ab, Tor Unterhaching (50. Minute). Wieder war es die linke Lautrer Abwehrseite, die gezielt unter Druck gesetzt wurde, diesmal mit Erfolg.

In der Folge wirkte der FCK angeschlagen. Hachingen kam variabler nach vorne und setzte die FCK Verteidigung bis zur 58, Minute immer wieder unter Druck. Oft entstanden zwischen den Abwehrspielern der FCK-Viererkette erschreckend große Räume, die von den fünf aktiven Hachinger Offensivspielern immer wieder bespielt wurden. Besonders in der Rückwärtsbewegung wirkte die Verteidigungslinie des FCK oft durch Tempo und Überzahlsituationen der Gegenspieler instabil.

Für Entlastung konnte dann nur ein Abschluss aus zentraler Distanz von Sickinger sorgen (58. Minute). Ansonsten stand Unterhaching bis zur 68. Minute defensiv sicher mit Fünferkette gegen zwei verloren wirkende Stürmer des FCK und erlaubte sich keine Fehler. Der Spielaufbau des FCK beschränkte sich in dieser Phase des Spiels, wie auch zuvor schon größtenteils auf vertikales, hohes Spiel. Einige Versuche flach zu eröffnen wurden durch unnötige Fehlpässe im Mittelfeld zu Nichte gemacht.

Wechsel sorgen für Schwung

In der 68. Minute verließen Hemlein und Sickinger für Bjarnason und Starke das Feld. Kühlwetter rückte ins rechte Mittelfeld, Bjarnason an die Seite von Thiele in die Spitze. Starke ersetzte Sickinger im zentralen Mittelfeld, interpretierte die 6er-Rolle jedoch deutlich offensiver und räumlich flexibler als Sickinger. Mit den beiden Wechseln kam Schwung ins Lautrer Angriffsspiel und es entwickelte sich eine kleine Druckphase bis zur 75. Minute

Starke führte sich mit einem Schuss aus 18 Metern zentraler Position mit dem schwachen rechten Fuß ein, Schwabl kann klären. Eine Minute später bringt Starke einen Freistoß scharf vors Tor aber findet keinen Abnehmer, in der 72. Minute gilt dies auch für seine gute Kopfballverlängerung auf den langen linken Pfosten. Auch Kühlwetter ist nun im rechten Mittelfeld deutlich auffälliger und hat mehr Aktionen in der Offensive als Hemlein im gesamten Spiel zuvor.

Standards ohne Erfolg

Der FCK kann wieder einmal kein Kapital aus den Standardsituationen dieser Druckphase mit vier Ecken und einem Freistoß aus guter Position schlagen. Von Unterhaching kommt bis zur 83. Minute wenige offensive Akzente, man ermöglicht defensiv allerdings auch keine Großchancen für den Hausherren. Außer einem technisch wertigen Abschluss aus der Distanz durch den bereichernden Starke (81.Minute) bleibt Lautern bis zum Schlusspfiff ohne weiteren Treffer.

Analyse

Zwei Stürmer auf dem Feld, zwei offensive Außen im Mittelfeld und mit Schad und Hercher durchaus offensive Qualität auf den Außenverteidigerpositionen; dazu alle Spieler mit Tempo ausgestattet: Es ist angerichtet!

Die Idee mit einer solchen Personalauswahl das schnelle Umschaltspiel zu forcieren ist durchaus nachvollziehbar. Aber: Leider konnte der FCK nur in wenigen Situationen überhaupt ein schnelles Umschaltspiel initiieren. Unterhaching bot kaum Räume und Gelegenheiten dazu an, diese zu nutzen. Wenn der FCK den Ball in der Defensive klärte, fand dieser häufig keinen Abnehmer und Hachingen baute ruhig und nahezu ohne Gegendruck erneut auf.

Bei eigenem Ballbesitz gab es, beim Torwart beginnend, selten eine andere gewählte Option als den langen Ball in die Spitze, Thiele und Kühlwetter waren in zu wenigen Situationen in der Lage diesen festzumachen oder weiterzuleiten. Den Stürmern (Thiele/Kühlwetter/Bjarnason) fehlte die Bindung zum Rest der Mannschaft. Und diese Tatsache liegt sicher nicht in der Personalauswahl begründet. Denn auf der rechten Mittelfeldseite blühte Kühlwetter in den letzten Spielminuten auf und war deutlich „wahrnehmbarer“ als zuvor in der Stürmerrolle. Somit lässt sich festhalten, dass offenbar die Spielanlage (hoch, vertikal, spätes Pressing bei gegnerischem Ballbesitz) mit dieser vorgegebenen Stürmerrolle nicht kompatibel war.

Erst als Lautern offensiver presste und auch die Außenspieler Pick und Hemlein, sowie Bachmann oder Sickinger ihre tiefliegenden Positionen verließen, um die Dreierkette der Spvgg unter Druck zu setzen, entwickelten sich gute Umschaltmomente mit Stürmerbeteiligung. Auch die besser Staffelung in die Tiefe im zentralen Mittelfeld, durch die Einwechslung von Starke, der ähnlich einem linken „8ter“ spielte, erzeugte besseren Zugriff auf die Gegenspieler und sorgte bei Unterhachingen für die ein oder andere Unsicherheit.

Defensiv ließ der FCK einige Gelegenheiten für den Torerfolg von Unterhaching zu. Besonders durch das gezielte Bespielen und Überbesetzen des rechten Flügels entstanden Löcher in der Viererkette, die Raum und Tor freigaben, die Unterhaching jedoch nur einmal zu nutzen wusste. Hier hätte ein situatives Umstellen auf 5er Kette bei gegnerischem Ballbesitz sicher mehr Stabilität schaffen können. Sickinger und Bachmann deutlicher nach hinten einrücken zu lassen, hätte durchaus Sinn ergeben.

Was nehme ich mit?

Es gibt durchaus positive Aspekte, die das Spiel gegen die Spvgg Unterhaching offenlegte: Die Neuzugänge fügen sich bisher gut ein, vor allem, wenn man bedenkt das hier durch die kurze Eingewöhnungszeit und mangelnde Spielpraxis mit der restlichen Mannschaft noch offene Potentiale schlummern. Grill ist ein guter Torhüter mit herausragenden Qualitäten auf der Linie. Aus zwei Großchancen ein Tor zu machen ist eine gute Quote.

Auffällig war, das wann immer der FCK vom eigentlich taktischen Konzept (spät anlaufen, schneller vertikaler Aufbau) abgewichen ist und sich „variabel“ zeigte, wurde es gefährlich. Die einzige Spielverlagerung im gesamten Spiell durch den FCK mit einem weiten Diagonalball von Bachmann auf Pick und die damit entstandene breite Spielumsetzung, sorgte für den Treffer des FCK. Weil Pick große Qualitäten im Dribbling hat, wenn er mit Tempo und Raum vor sich auf den Gegenspieler zuläuft. Weil mit Hercher und Sickinger auf seiner Seite zwei Spieler aufgeboten waren, die fußballerische Qualitäten im Pass- und Positionsspiel mitbringen. Weil das unerwartete Element (Seitenverlagerung) den Gegner überraschte und ihn sichtlich aus der defensiven Stabilität brachte.

Wenn es Sascha Hildmann gelingt die Qualitäten seiner Spieler mit seinen taktischen Vorgaben zum Blühen zu bringen, hat diese Mannschaft das Potential in der 3.Liga jedes Team zu schlagen. Eine mögliche Vorgabe könnte sein, mehr Variabilität im Spielaufbau zuzulassen. Das Spiel auch mal gezielt in der Breite aufzuziehen, vom Torwart an beginnend. Und sicherlich auch, in die eigene Stärke zu vertrauen und mutig und offensiv den Gegner unter Druck zu setzen und zu Fehlern zu zwingen. Gerade zuhause. Besonders in der 3.Liga.

Die Angst vor dem Fehler sollte deutlich kleiner sein als die Lust auf mutigen, agierenden Fußball.

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